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BGH kippte Urteil: Ursula W. tötete ihre Mutter mit einer Schere – ist sie eine Gefahr für die Allgemeinheit?

BGH kippte Urteil: Ursula W. tötete ihre Mutter mit einer Schere – ist sie eine Gefahr für die Allgemeinheit?




Der Anblick, der sich den Feuerwehrleuten bot, als sie am 31. Oktober 2017 die Wohnung in Bochum öffneten, kann man wohl ohne Übertreibung als grauenvoll bezeichnen. Auf dem Sofa saß eine alte Frau. Sie war tot. Augen und Nase waren weggefressen, das Gesicht schwarz und zum Teil skelettiert. Überall krabbelten Maden und Fliegen.Die Kripo glaubte zuerst, dass Maria W. – die Mieterin der Wohnung – eines natürlichen Todes gestorben sei. Die alte Dame war 83 Jahre alt gewesen. Doch dann zogen die Polizisten ihr die Decke weg. Und sahen die klaffende Wunde in ihrer Brust. Bei der Obduktion wurden acht weitere, oberflächliche Stiche in der Kopfhaut festgestellt. Maria W. war erstochen worden.Das Landgericht Bochum hat ihre Tochter Ursula W. jetzt in einem zweiten Prozess wegen Totschlags zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Die heute 54-Jährige hat ihre Mutter nach Überzeugung der Richter im Streit mit einer Schere erstochen. Wegen einer psychischen Störung ist Ursula W. vermindert schuldfähig. “Das ist eine sehr, sehr milde Strafe”, sagt der Richter bei der Urteilsverkündung.  Tatsächlich hätte Ursula W. beinahe die nächsten Jahre, womöglich sogar den Rest ihres Lebens, wegen dieser Tat in der Psychiatrie verbracht. Im Mai 2018 hatte eine andere Kammer des Landgerichts Bochum Ursula W. in einem ersten Prozess wegen Totschlags zu vier Jahren und zehn Monaten verurteilt. Allerdings hatten die Richter ihre Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie angeordnet. Auf unbestimmte Zeit. Ursula W. wäre erst wieder freigekommen, wenn die Psychiater sie für ungefährlich gehalten hätten. Das hätte lebenslänglich bedeuten können. Ursula W. litt laut Gutachten unter einer Psychose, als sie ihre Mutter erstach. Die Richter hielten sie deshalb im ersten Strafprozess für gemeingefährlich. Davon ist nun keine Rede mehr. Anders als die Richter am Landgericht hat der Bundesgerichtshof Zweifel an der Gefährlichkeit von Ursula W. Vier Jahre und sechs Monate Haft “ist eine sehr, sehr milde Strafe”, sagt der Richter bei der Urteilsverkündung
© Kerstin HerrnkindWohin mit psychisch kranken Straftätern? Der Fall wirft Fragen auf, die in der Öffentlichkeit regelmäßig heftig diskutiert werden, wenn Gewalttäter rückfällig werden. Wie geht man mit psychisch kranken Straftätern um? Gehören Sie in die Psychiatrie? Oder in den Knast? Er macht deutlich, wie schwer es ist, die Frage zu beantworten, ob jemand, der einen Menschen brutal getötet hat, auch in Zukunft gefährlich wird. Und er zeigt, wie unterschiedlich Gerichte das sehen.Mit “hoher Wahrscheinlichkeit” seien weitere Straftaten von Ursula W. zu erwarten, die nach “Art und Schwere” mit dem Totschlag an ihrer Mutter vergleichbar seien, schrieben die Richter im Mai 2018 in das erste Urteil. Mit anderen Worten: Sie fürchteten, dass Ursula W. wieder töten könnte. Die Gutachterin hatte bei ihr eine paranoide Schizophrenie festgestellt. Ursula W. litt unter Verfolgungswahn, hörte Stimmen.Doppelmord von Herne: Marcel H. räumt Taten ein 13.30Ursula W. zog vor den Bundesgerichtshof. Mit Erfolg. Zwar bezweifelten die Richter nicht, dass sie ihre Mutter mit einer Schere erstochen hatte. Allerdings gebe es für die Prognose, dass Ursula W. auch in Zukunft gefährlich werden könne, keine Hinweise. Schließlich sei sie trotz ihrer psychischen Krankheit nie straffällig oder gar gewalttätig geworden. Der BGH verwies den Fall zurück nach Bochum, wo jetzt eine andere Kammer über das Schicksal von Ursula W. verhandeln musste. Die Unterbringung in der Psychiatrie war nach der BGH-Entscheidung vom Tisch. Inzwischen hatte auch die Psychiaterin ihre Meinung über Ursula W. geändert. Im ersten Prozess hatte sie ihr noch eine paranoide Schizophrenie attestiert, jetzt geht sie von einer schizoiden Störung aus. Anders ausgedrückt: Ursula W. ist zwar gestört, aber nicht ernsthaft psychisch krank. In der Klinik hatte sich Ursula W. in den letzten zwei Jahren hervorragend geführt. Wenn Mitpatienten sie körperlich angriffen, was vorkam, weil Ursula W. ständig das Telefon blockierte, wehrte sie sich nicht, sondern wartete, bis das Personal ihr half. Nach Meinung der Gutachterin ein weiteres Indiz für ihre Ungefährlichkeit. Ursula W. sei “sozial lästig, aber ungefährlich”.In der Klinik wäre Ursula W. therapiert wordenUrsula W. hat die Psychiatrie inzwischen verlassen und wird ihre Reststrafe im Gefängnis absitzen. Richtig glücklich scheinen die Richter darüber nicht zu sein. In der Klinik wäre Ursula W. therapiert worden, sagt der Vorsitzende Richter. In der JVA sei das “zweifelhaft”. Deshalb bliebe ein “Unbehagen”. Tatsächlich verhält sich Ursula W. auffällig. Laut Gutachten ist sie krankhaft geschwätzig. Neun Anwälte hat sie beschäftigt. Fast alle haben entnervt aufgegeben. Für den Termin vor Gericht hat sie sich in Schale geworfen. Ursula W. trägt einen pinkfarbenen Blazer mit Goldknöpfen. Lippen und Nägel leuchten ebenfalls pink. Die Angeklagte macht keinen Hehl daraus, dass sie sich anderen Menschen überlegen fühlt. “Ich habe auch mal im öffentlichen Dienst gearbeitet”, sagt sie zum Richter. Ursula W. begreift nicht, welchen Sieg sie errungen hat. Immer wieder fängt sie davon an, dass sie unschuldig sei. “Meine Mutter hat sich selbst umgebracht”, sagt sie. “Der BGH hat Fehler gemacht.” Welche wird in ihrer wirren Rede nicht klar. 26: Vermieter mit Pflanzschutzmittel vergiftet Neun Jahre Haft – b7154ca1fe6890c4Sie lebt – so hat es die Gutachterin beschrieben – in einer Traumwelt. Ihre Eltern trennten sich, als sie und ihr jüngerer Bruder noch Kinder waren. Die Mutter ging putzen, verlangte gute Noten von ihren Kindern sonst setzte es Schläge. Ursula W. war eine sehr gute Schülerin. Nach der Hauptschule schaffte sie es auf die Realschule, hätte sogar aufs Gymnasium gehen können. Doch ihre Mutter war offenbar dagegen. Ursula W. fing eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung an. Ihr Traum war es, Sängerin zu werden. Dieter Bohlen, zu dem sie eine “geistige Verbindung” verspürte, war ihr großes Vorbild. Ursula W. brach die Lehre ab, nahm als “Jamie O’Brien” eine Platte auf. Doch der Erfolg blieb aus. Sie lebte in Spanien, kehrte nach Deutschland zurück, verkaufte Versicherungen, wurde arbeitslos, lebte irgendwann von Grundsicherung. Ein alter Freund nahm sie auf, fütterte sie durch, steckte ihr immer wieder Geld zu. So ging das über Jahre.Unnützes Wissen MordVerwirrt an der Autobahn aufgegriffenIm Herbst 2014 wurde Ursula W. verwirrt an einer Autobahn aufgegriffen. Sie erzählte, dass sie von Rockern verfolgt würde, die sie zur Prostitution zwingen wollten. Fast zwei Monate blieb sie damals in der Psychiatrie. Die Ärzte attestierten eine wahnhafte Störung. Kurz darauf schlüpfte Ursula W. bei ihrer Mutter unter. Auch die hatte psychische Probleme, ließ die Wohnung vermüllen. So lebten zwei Frauen, die psychisch gestört waren, zusammen. Nachbarn hörten, wie Mutter und Tochter sich anschrien. Ursula W. machte ihre Mutter offenbar für ihr verpfuschtes Leben verantwortlich. Misshandelte sie ihre Mutter deshalb?”Es wird immer wieder Einzelne geben, die gefährlich werden können” 15.03Anfang 2017 traf sich Mutter Maria W. nach Jahren mit ihrem Sohn, entschuldigte sich bei ihm für die schlechte Kindheit, die sie ihm bereitet hatte. Ihr Zustand, so hat es der Sohn vor Gericht geschildert, sei erbärmlich gewesen. Ihr Arm war gebrochen, sie hatte ein blaues Auge. Maria W. sagte, sie sei gestürzt. Nach dem Treffen rief sie ihren Sohn noch ein Mal an. “Ich muss hier raus, ich brauche Hilfe”, flehte sie. Der Sohn riet ihr, ins Hotel zu gehen. Monate später war Maria W. tot.Sie hätte sich mit ihrer Mutter gestritten, hat Ursula W. schon bei der Polizei ausgesagt. Sie wollte sich die Haare schneiden. Ihre Mutter habe ihr die Schere abgenommen. Und dann wie von Sinnen auf sich selbst eingestochen. Kein Richter glaubte ihr diese Version. Das Landgericht und auch der BGH gehen davon aus, dass Ursula W. ihrer Mutter die Schere im Streit in den Brustkorb rammte und dann auf ihren Kopf einstach. Die Klinge traf den Herzbeutel der Mutter.  Wenige Minuten später war sie tot. Innerlich verblutet. Noch vier Tage blieb Ursula W. offenbar in der Wohnung. Dann ging sie wieder zu ihrem alten Freund, wo die Polizei sie festnahm. An der Schere waren DNA-Mischspuren von Mutter und Tochter gefunden worden. “Das ist ein Riesenerfolg”, sagt Anwalt Egbert Schenkel, der Pflichtverteidiger von Ursula W., nach dem Urteil zum stern. Er hat hart für seine schwierige Mandantin gekämpft. Doch Ursula W. ist nicht zufrieden. Sie will Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen. 



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Author : Kerstin Herrnkind

Publish date : 2019-09-27 13:54:51

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