close
Stern

Online-Lexikon: Donald Trumps Wikipedia-Eintrag: der Krieg der Wortklauber

Online-Lexikon: Donald Trumps Wikipedia-Eintrag: der Krieg der Wortklauber




Donald Trumps (englischsprachiger) Wikipedia-Eintrag rangiert auf Rang 115 der meistaufgerufenen Beiträge, knapp hinter dem über die Queen-Schwester Prinzessin Margaret. Weil der US-Präsident nicht unbedingt jedermanns Liebling ist, fuhrwerken Tausende von Usern des Lexikons im Stundentakt an dem Artikel herum, korrigieren manchmal nur ein Komma, manchmal ganze Sinn- und Sachzusammenhänge. 28.000 Mal wurde die Seite des US-Präsidenten seit 2004 bereits bearbeitet. Bei Trumps lexikalischem Online-Zuhause herrscht Waffengang der Wörter.War Donald Trumps Sieg “überraschend”?Da wäre zum Beispiel der Absatz über seine Wahl zum Präsidenten. In 120 Wörtern wird etwa beschrieben, wie Trump sich gegen 16 innerparteiliche Gegner durchgesetzt habe, für welche politischen Positionen er stehe, dass er die Wahl “überraschend” gegen Hillary Clinton gewonnen habe und viele seiner Aussagen als “rassistisch” wahrgenommen würden. Allein schon in diesen wenigen Sätzen steckt genug Konfliktstoff, um einen “Editwar”, einen Editierkrieg zu starten.08-Steuerunterlagen: Trump meldete hohe Verluste an-6034089446001Beispiel “überraschend”: War der Sieg Trumps bei der Präsidentschaftswahl tatsächlich “überraschend”? Einerseits ja. Denn die meisten Umfragen und Einschätzungen hatten Konkurrentin Clinton zuvor vorne gesehen, wenn auch nur knapp. Trump selbst hatte, wie sich später herausgestellt hat, auch nicht unbedingt mit einem Sieg gerechnet. Ein Wikipedia-Autor kam dann auf die Idee, das Wort durch “erdrutschartig” zu ersetzen. Das traf die Sache zwar noch weniger, ließ den Wahlgewinner aber in einem besseren Licht dastehen. Nach wilden Diskussionen entschieden sich die zuständigen Administratoren dafür, es bei “überraschend” zu belassen. Wohl auch, weil sich diese Einschätzung mit dem Zitat eines seriösen Mediums belegen ließ.Hierarchie bei WikipediaDie Wikipedia ist zwar ein für jeden zugängliches Lexikon, doch um die Qualität der Einträge zu sichern, haben sich im Laufe der Jahre auch dort Hierarchien herausgebildet. Vereinfacht gesagt, gibt es Gelegenheitsautoren, erfahrene Autoren, verschiedene Administratoren sowie eine Gruppe von 13 “Senior Editoren” – eine Art Chefredaktion. Die sowie ältere und Dauer-Mitwirkende dürfen Änderungen rückgängig machen oder sogar ganze Seiten sperren. Letzteres ist auch Trumps Seite bereits widerfahren, schreibt das US-Magazin “Slate” in einem Artikel mit dem Titel “Donald Trumps Wikipedia-Eintrag ist ein Kriegsgebiet”.Darin wird auch die Auseinandersetzung über die Wertung “rassistisch” nacherzählt. Das Adjektiv fällt in sozialen Medien und in der Presse häufig im Zusammenhang mit dem US-Präsidenten. Doch sind Trumps Beleidigungen tatsächlich “rassistisch”, wie es nach einigem hin und her bei der Wikipedia heißt oder nur “rassistisch aufgeladen”? Die etwas umständliche letztere Bezeichnung empfanden viele User als zu “schönfärberisch” und “unklar”. Was also machten die Wikipedianer? Sie einigten sich darauf, beide Formulierungen zu benutzen.Donald Trump Weißes Haus Social Media Zensur 1935Solche Wortklaubereien sind bei Wikipedia an der Tagesordnung. Denn das Nachschlagewerk ist mittlerweile der einflussreichste Faktenlieferant für die ganze Welt. Was dort steht, bestimmt das Bild von Personen und Vorfällen. Was meist kein Problem ist, denn die Qualität der Einträge ist erfreulich hoch, Fehler sind selten und wer darin erwähnt wird, tut gut daran, nicht zu viel Eigen-PR zu betreiben. Denn das fällt auf. Zurzeit überarbeitet jemand  den Eintrag der “Bild am Sonntag” – und löscht dabei “kritische Stellen, schwächt sie ab oder fügt positive PR-Passagen hinzu”, wie “Bildblog” berichtet. Anders gesagt: So verlockend es auch sein mag, Wikipedia als Werbewerkzeug zu benutzen – es fällt früher oder später auf.Was gehört in Trumps Wikipedia-Eintrag?Der Kampf um die Deutungs- und Formulierungshoheit läuft manchmal schon in Echtzeit ab. “Slate” skizziert als Beispiel den Editoren-Streit anlässlich des US-Russland-Gipfels in Helsinki 2018. Bei dem Treffen geriet Trump in die Kritik, weil er in Gegenwart von Wladimir Putin leugnete, dass sich Russland in die US-Präsidentschaftswahl eingemischt habe – obwohl selbst die US-Geheimdienste genau davon überzeugt waren und es noch immer sind. Nur wenige Minuten nach Trumps Behauptung begann ein (überparteilicher) Sturm der Entrüstung. Vom “schlimmsten Fehler dieser Präsidentschaft” war die Rede, sogar das Wort “Hochverrat” machte die Runde. Die Wikipedia-Autoren debattierten daher hitzig darüber, ob diese Wertungen in Trumps Wikipedia-Eintrag gehören. Die Erwähnung des historischen Gipfels an sich war unstrittig.”Ein furchtbarer Präzedenzfall”: Wie Trump eine einst tägliche Routine im 21hLetztlich standen sich zwei reichlich unversöhnlich Argumente gegenüber: ‘Dieser schockierende Auftritt muss dokumentiert werden’ gegen ‘Hören wir auf, seine lächerlichsten Aussagen aufzulisten’. Am Ende siegte eine Formulierung, die nicht so sehr Trumps Aussage kritisierte, sondern die Kritik an der Aussage in den Mittelpunkt stellte.Angesichts der Fähigkeit des US-Präsidenten, Menschen zu spalten, wundert es nicht, dass sich auch die Wikipedianer teilweise unerbittlich in die Wolle kriegen. Erstaunlicher ist eher, dass sich letztlich immer wieder eine relativ neutrale Kompromissversion durchsetzt. Dabei kann die Lösung ganz einfach sein, wie Wikipedia-Autor “JFG” dem Magazin “Slate” sagt: “Erst wenn Du eine Gruppe von Leuten hast, die sagen, dieser Artikel sei tendenziös und eine andere Gruppe sagt, nein, er tendiere genau in die andere Richtung, dann weißt du, dass du richtig liegst.”Quellen: Wikicount, XTools, WikiHistory, Wikipedia/Donald Trump, “Slate”



Source link : https://www.stern.de/politik/ausland/donald-trumps-wikipedia-eintrag—der-krieg-der-wortklauber-8732274.html?utm_campaign=alle&utm_medium=rss-feed&utm_source=standard

Author : Niels Kruse

Publish date : 2019-05-29 18:42:09

Copyright for syndicated content belongs to the linked Source.

Tags : Stern

The author News2