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Lauft nicht vor euren Problemen weg: Allheilmittel Neuanfang: Wann haben wir verlernt, uns durchzukämpfen?

Lauft nicht vor euren Problemen weg: Allheilmittel Neuanfang: Wann haben wir verlernt, uns durchzukämpfen?




Vor anderthalb Jahren wäre es fast so weit gewesen: Fast wäre ich nach Berlin gegangen. Nicht, weil mir die Hauptstadt so faszinierend und verlockend erschienen wäre – sondern einfach nur, weil ich weg wollte. Oder musste. Oder zumindest das Gefühl hatte, weg zu müssen. Wenn Dinge schiefgehen, man einige Menschen und Orte, denen man ständig begegnet, nicht mehr sehen kann und man ohnehin glaubt, dass das eigene Leben sich seit Jahren nur noch im Kreis dreht statt endlich mal voranzugehen – dann ist es Zeit für einen Neuanfang.Denken wir zumindest. Ganz selbstverständlich gehen wir davon aus, dass alles ganz fantastisch wird, wenn sich die Umstände einfach mal drastisch ändern. So einfach ist es meistens nicht, aber das versteht man oft zu spät.Alle glauben, dass es woanders besser ist – stimmt aber gar nichtNeuanfangDer Glaube, dass irgendetwas anderes irgendwo anders besser ist als das, womit man sich jeden Tag herumplagen muss, ist weit verbreitet, in allen Alters- und Einkommensklassen. Ständig liest man von Menschen, die “eine neue Herausforderung” suchen – im Managerdeutsch ein Euphemismus dafür, keine Lust mehr zu haben oder vor etwas weglaufen zu wollen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Im Privatleben werden die Partner bei kleineren Schwierigkeiten ausgetauscht. Und wenn man sein Leben insgesamt nicht mehr erträgt, muss es der geografische “Tapetenwechsel” sein: eine neue Stadt. Da sind sich Großstadtmenschen und Dorfkinder gar nicht unähnlich: Den Hamburger lockt Berlin, den Abiturienten aus der Provinz die nächstgelegene Großstadt.Nur eine Nummer größer muss es eben sein, noch abgefahrener, hipper, anonymer, es muss noch mehr Möglichkeiten geben, sein bestes Leben zu leben. Der Gedanke kann manchmal wie von selbst kommen, an vielen Stellen aber wird uns der Floh ins Ohr gesetzt: ein Neuanfang ist mutig, spannend und erfolgsversprechend. Manchmal können ein paar Kilometer schon Welten bedeuten.Eines nimmt man überallhin mit: sich selbstAber nur weil es eine andere Welt ist, muss es dort nicht unbedingt besser sein. Das nämlich ist meist ein Irrtum: dass ein neues Umfeld auch immer gleich ein neues Leben bedeutet. Es kann sein, dass sich für einige Zeit das Lebensgefühl ändert, weil die Umgebung anders ist, weil man sich um andere Dinge Gedanken macht und weil eben diese Orte und Menschen, welche die Gefühle und Gedanken ausgelöst haben, die man unbedingt loswerden wollte, jetzt weit weg sind. Aber all das ist ja meistens nur eine Übergangslösung.Warum sind junge Menschen so einsam 20.45Eine entscheidende Komponente übersieht man dabei gern: sich selbst. Denn sich selbst nimmt man überall hin mit, an neue Wohnorte, auf all die Reisen zum Vergessen, Neuanfangen und Sichselbstfinden. Sie werden wiederkommen, die Gedanken und Gefühle, verlasst euch drauf – nur dass die Orte diesmal andere Koordinaten haben und die Personen andere Namen. Eigentlich ist nämlich jedes Woanders auch nur ein Hier mit einer anderen Postleitzahl.Manch mutiger Neuanfang ist in Wirklichkeit eine FluchtDa sieht der Neuanfang schon gleich nicht mehr so mutig und inspiriert aus. Eher ähnelt er einer Flucht, einem Weglaufen vor den Schwierigkeiten, die sich im Altbekannten auftürmen. Wer sich dem nicht stellen will, fängt lieber irgendwo anders von vorne an. Irgendwie scheint das selbstverständlich geworden zu sein. Dabei wäre genau das Gegenteil ein wirklich mutiger Akt: sich einfach mal wieder durchzukämpfen, trotz aller Widrigkeiten. Egal, ob es am Arbeitsplatz, in einer Freundschaft, einer Beziehung oder am Wohnort ist. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht auch mal Zeit für einen klaren Schnitt oder den nächsten Schritt sein kann – aber wir alle haben viel zu sehr das Motto von Barney Stinson aus “How I Met Your Mother” adaptiert: “New is always better.” Manchmal vielleicht, aber sicher nicht immer.Manchmal, und zwar gar nicht so selten, lohnt es sich nämlich auch, die alten, schon etwas angeditschten Dinge zu reparieren und sie nicht gleich wegzuwerfen, um sich etwas Neuem zuzuwenden.Ich bin in zwei Wochen wieder mal in Berlin, und ich freue mich sehr darauf. Aber noch mehr freue ich darüber, jetzt gerade dort zu sein, wo ich hingehöre. Und das ist – im Moment – nicht Berlin, so verlockend das manchmal auch klingt.So geht stressfrei Umziehen 11.11 Uhr



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Author : Eugen Epp

Publish date : 2019-05-14 07:09:05

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