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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Große Jungs und kleine Männchen: Wie ich die Kult-Cowboys meiner Kindheit wiederentdeckte

F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Große Jungs und kleine Männchen: Wie ich die Kult-Cowboys meiner Kindheit wiederentdeckte

F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Große Jungs und kleine Männchen: Wie ich die Kult-Cowboys meiner Kindheit wiederentdeckte
Mein absoluter Liebling im Kinderzimmer war mittelblau, trug ein Fransenhemd und fuchtelte mit zwei winzigen silbernen Colts herum: Ein Cowboy des Herstellers "Timpo Toys". Die Firma wurde 1938 in London vom 1907 in Frankfurt geborenen Salomon Gawrylovitz gegründet. Der Unternehmer, der Fußball und Spielzeug liebte, floh damals vor den Nazis nach England. Mittellos kam er auf der Insel an, aber er packte an und baute in kurzer Zeit ein Spielzeugimperium auf. Weil die Mitarbeiter den Namen ihres Chefs nicht aussprechen konnten nannten sie ihn einfach "Mr. G". Der Mann war ein Vollblutverkäufer und schaffte es, jedem Kunden mehr zu verkaufen, als er eigentlich wollte. Wie? Er pries seine Produkte mit den glänzenden Augen eines nie erwachsen gewordenen Jungen an. kurzbio BehrendtÜber 40 Millionen der nur 54 Millimeter großen Spritzguss-Figürchen wurden allein von 1964 bis 1980 hergestellt und in alle Welt verkauft, die meisten nach Deutschland. 50 Pfennige kostete ein Männchen damals, Kutschen, Indianerlager und Forts waren teurer. Die gab es dann zum Glück an Geburtstagen. Wer sich heute mit der Geschichte von Timpo beschäftigt staunt nicht schlecht, mit welchen cleveren Aktionen sie immer neue Absatzrekorde feierten. Ein wahres Produkt- und Marketingfeuerwerk wurde nicht nur zur Nürnberger Spielwarenmesse gezündet. Aber 1980 war Schluss. Die Nachfolger von "Mr. G" hatten die neuesten Trends verpennt. Horst Brandstätter, der legendäre "Mr. Playmobil" war cleverer, er rockte fortan den Markt. Irgendwann erinnerten sich die groß gewordenen Kinder, die in den 60ern und 70ern mit Timpo-Figuren gespielt hatten, an ihre kleinen Lieblinge. Die ersten begannen, Lagerbestände alter Spielzeuggeschäfte zu plündern und gingen auf Flohmärkten auf Beutezug. Dann kam Ebay. Als meine ersten ersteigerten Cowboys und Indianer ankamen war es wie Weihnachten 1971. Ein grandioses Flashback-Gefühl. Ich stellte schnell fest, dass ich nicht alleine war mit meiner Leidenschaft. Es gibt WhatsApp-Gruppen, Foren, Börsen, Kataloge und Bücher. Früher dachte ich immer, Figurensammler wären irgendwelche verschrobenen Opis, aber weit gefehlt. Kürzlich traf ich einen smarten Chefarzt in seiner Klinik und wir redeten über Medizin und Management. Als er feststellte, dass wir im gleichen Jahr geboren wurden fragte er mich, ob ich in meiner Kindheit auch mit Cowboyfiguren gespielt hätte. Ich nickte. Der Doktor sprang auf und öffnete mit glänzenden Augen einen Schrank: Lauter Wild-West-Figuren von Timpo standen drin. Als seine Sekretärin reinkam, grinste sie milde und meinte: "Ich verschiebe den nächsten Termin, damit die beiden großen Jungs in Ruhe weiter spielen können." Diddlmaus Sammlerobjekt_9.30

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Publish date : 2018-07-13 19:31:00
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